Wie vermeide ich Floskeln im Motivationsschreiben?
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Kurz gesagt
Eine Floskel ist kein Stilfehler, sondern ein Häufigkeitsproblem: Sie besteht aus Wörtern, die in sehr vielen Ausschreibungen gleichzeitig stehen. In unserer Auszählung der aktiven deutschsprachigen Inserate kommt «flexibel» in 26,6 Prozent vor, «teamfähig» oder «Teamarbeit» in 13,6 Prozent, «kommunikativ» in 13,1 Prozent. Ein konkretes Wort wie «Qualitätssicherung» steht in 1,2 Prozent, «Reinraum» in 0,1 Prozent. Streiche also jeden Satz, der unverändert in einer anderen Bewerbung stehen könnte, und schreibe stattdessen die Beobachtung hin, die dich überhaupt zu dem Adjektiv gebracht hat.
Das ist die ganze Mechanik, und sie erklärt, warum gegen Floskeln kein Thesaurus hilft. Wer «teamfähig» durch «kooperativ» ersetzt, tauscht ein häufiges Wort gegen ein etwas selteneres und behauptet weiterhin dasselbe über sich, ohne einen Beleg zu liefern. Die Person, die deinen Brief liest, kennt diese Behauptung bereits aus allen anderen Dossiers auf dem Stapel. Sie kann sie weder prüfen noch dagegenhalten, also überspringt sie den Satz.
Umgekehrt braucht es keine besondere Sprachbegabung, um floskelfrei zu schreiben. Es braucht nur die Bereitschaft, statt des Urteils den Vorgang hinzuschreiben: nicht «ich bin belastbar», sondern was du an dem Tag getan hast, an dem es darauf ankam. Der Satz wird dadurch länger und unspektakulärer — und er lässt sich nicht mehr in eine andere Bewerbung kopieren, was genau der Punkt ist.
Anteil der aktiven deutschsprachigen Inserate auf SwissJobs.app, deren Beschreibungstext das jeweilige Wort oder eine seiner Formen enthält. Die obere Gruppe sind die üblichen Eigenschaftswörter, die untere vier konkrete Fachwörter zum Vergleich. Stand August 2026.
- «Ich bin teamfähig» → nenne die Grösse des Teams, deine Rolle darin und was am Schluss herauskam.
- «Ich bin flexibel» → nenne das Pensum, das du übernehmen kannst, und ab wann; das Inserat nennt in 22,1 Prozent der Fälle bereits eine Prozentzahl im Titel, an der du dich ausrichten kannst.
- «Ich verfüge über gute Sprachkenntnisse» → nenne die Stufe, die das Inserat verlangt; 84 Prozent aller ausgewiesenen Sprachanforderungen sind mit einem berufssprachlichen Niveau versehen, nicht mit «gut».
- «Ich arbeite selbstständig» → nenne die Entscheidung, die du ohne Rückfrage getroffen hast, und wer sie sonst getroffen hätte.
- «Ihr Unternehmen ist innovativ» → das Wort steht in 12,2 Prozent der Inserate ohnehin schon; nenne stattdessen die eine Sache von der Firmenseite, die du dort nachgelesen hast.
- «Ich freue mich auf eine neue Herausforderung» → sage, welche Aufgabe aus der Ausschreibung du meinst und weshalb sie für dich eine ist.
Eine Floskel ist ein Häufigkeitswort
Der übliche Rat gegen Floskeln lautet, man solle «authentisch» schreiben. Das hilft niemandem, weil es kein Kriterium ist, an dem sich ein einzelner Satz prüfen liesse. Es gibt aber eines, und es ist zählbar: Ein Wort ist eine Floskel, wenn es in einem grossen Teil des Marktes gleichzeitig vorkommt und deshalb nichts unterscheidet.
Diese Verteilung lässt sich an unseren aktiven Inseraten ausmessen. Im deutschsprachigen Teil des Bestands enthält gut ein Viertel der Ausschreibungen das Wortfeld um «flexibel», jede siebte spricht von Teamarbeit oder Teamfähigkeit, jede achte von Kommunikation, jede achte von Innovation. «Selbstständig» oder «eigenständig» kommt in 10 Prozent vor, «dynamisch» in 8,1, «motiviert» in 5,3, «zuverlässig» in 3,5 und «belastbar» in 1,3 Prozent.
Die Fachwörter derselben Inserate verhalten sich völlig anders. «SAP» steht in 2,2 Prozent, «Qualitätssicherung» in 1,2, «Treuhand» in 0,9, «Buchhaltung» in 0,8, «Aussendienst» in 0,6, «Reinraum» in 0,1 Prozent. Zwischen dem häufigsten Eigenschaftswort und einem gewöhnlichen Fachwort liegt also mehr als eine Zehnerpotenz. Genau dieser Abstand ist der Unterschied zwischen einem Satz, der auf Tausende Stellen passt, und einem, der auf eine passt.
Der Austauschtest: zwei Namen ersetzen, dann nochmals lesen
Nimm deinen Entwurf und ersetze den Firmennamen und die Berufsbezeichnung durch eine völlig andere Stelle — ein Treuhandbüro statt eines Industriebetriebs, ein Alterszentrum statt eines Ingenieurbüros. Lies den Brief danach noch einmal. Jeder Satz, der die Operation unbeschadet übersteht, ist eine Floskel und kann weg. Was übrig bleibt, ist der Teil, der wirklich auf diese Ausschreibung antwortet.
Der Test ist streng, aber er ist die Prüfung, die auf der anderen Seite tatsächlich stattfindet. Eine Schweizer Personalvermittlung beschrieb den Fehlerfall auf LinkedIn genau so: ein Standardschreiben, das ebenso gut an ein Treuhandbüro, einen Industriebetrieb oder ein Alterszentrum hätte gehen können — abgeschickt, ohne dass ein Bezug zur ausgeschriebenen Aufgabe erkennbar wäre.
Bei den meisten Entwürfen fällt beim Austauschtest der ganze Mittelteil weg, und das ist keine schlechte Nachricht. Ein Brief mit zwei belegten Absätzen ist stärker als einer mit fünf allgemeinen. arbeit.swiss beschreibt das Bewerbungsschreiben als persönliche Visitenkarte, die dem Arbeitgeber einen Überblick über Kompetenzen, Qualifikationen und die Motivation für eine ausgeschriebene Stelle gibt. Die letzten drei Wörter sind die Auflage: für diese Stelle, nicht für Stellen im Allgemeinen.
Was an die Stelle des Adjektivs kommt
Es gibt drei Formen, die eine Behauptung prüfbar machen, und alle drei sind unspektakulär. Die erste ist die Episode: ein Ort, ein Zeitraum, eine Handlung. Nicht «ich bin belastbar», sondern die Woche, in der zwei Kolleginnen ausfielen und du die Schicht mit übernommen hast, mit der Angabe, wie viele Schichten das waren.
Die zweite ist die Zahl. Sie muss nicht gross sein und schon gar nicht beeindruckend; sie muss nur stimmen und überprüfbar klingen. Die Anzahl Dossiers, die du pro Woche bearbeitet hast, die Zahl der Standorte, für die du zuständig warst, der Anteil der Abschlüsse, den du selbst gemacht hast. Eine kleine, präzise Zahl trägt weiter als ein grosses Adjektiv.
Die dritte ist die Zuschreibung durch Dritte. Sie steht sogar in den amtlichen Musterbriefen: In der Vorlage von berufsberatung.ch heisst es nicht «ich bin gut organisiert», sondern «meine Lehrer sagen von mir, dass ich mich gut organisieren kann und meine Arbeiten pünktlich und in guter Qualität abliefere». Derselbe Inhalt, aber mit einer Quelle — und damit etwas, das im Gespräch nachgefragt werden kann.
Das konkrete Material liegt im Inserat, und es ist selten
Die meisten Floskeln entstehen, weil die Schreibenden im leeren Raum nach Eigenschaften suchen, statt in der Ausschreibung nach Anforderungen zu schauen. Dabei ist das Inserat erstaunlich reich an präzisen Angaben. 72,8 Prozent der aktiven Inserate nennen mindestens eine geforderte Sprache, jedes fünfte nennt zwei oder mehr. Und diese Anforderungen sind gestuft: 84 Prozent aller ausgewiesenen Sprachanforderungen sind auf berufssprachlichem Niveau, 11,7 Prozent auf Konversationsniveau, 2,9 Prozent auf Muttersprachenniveau, 1,4 Prozent auf Grundkenntnissen.
Damit erledigt sich die häufigste Sprachfloskel von selbst. «Gute Deutschkenntnisse» ist eine Selbsteinschätzung ohne Massstab; die Stufe, die das Inserat verlangt, ist eine Angabe, die zur Anforderung passt oder nicht. Schreib die verlangte Stufe hin und belege sie mit dem Zertifikat, der Schule oder der Arbeitsstelle, an der du in dieser Sprache gearbeitet hast.
Dasselbe gilt für die Verfügbarkeit. 22,1 Prozent der aktiven Inserate tragen bereits eine Pensumangabe in Prozent in der Titelzeile, 90,5 Prozent geben eine Anstellungsart an, und praktisch alle nennen den Arbeitgeber. Wer «ich bin flexibel» schreibt, wo eine Zahl gefragt ist, verschenkt den einfachsten konkreten Satz des ganzen Briefes.
Auch die amtlichen Musterbriefe zeigen die Falle
Die drei Musterbriefe, die berufsberatung.ch zum Herunterladen anbietet, sind lehrreich, gerade weil sie nicht floskelfrei sind. Im zweiten Beispiel steht eine reine Adjektivkette: eine offene, kommunikative und zuverlässige Person mit rascher Auffassungsgabe, und Teamarbeit sei eine der Stärken. Kein Satz davon ist prüfbar, und jeder davon könnte in jedem anderen Dossier stehen.
Der dritte Musterbrief macht es anders. Dort steht, dass die Baugenossenschaft seit 1937 besteht und dass die Bewerberin in einer Musterfirma administrative Aufgaben mit Excel erledigt und gelernt hat, wie man Kundengespräche führt — dazu die Fächer des laufenden Berufsvorbereitungsjahres, einzeln aufgezählt. Die französische Fassung derselben Sammlung geht noch weiter: eingehende Lieferungen geprüft, alphabetisch sortiert und abgelegt, bei Telefongesprächen mit Kundinnen zugehört, gemeinsam mit dem Lernenden eine Kundenmail beantwortet.
Die Briefe unterscheiden sich nicht im Talent, sondern im Verfahren. Der eine listet Eigenschaften auf, der andere Vorgänge. Wenn du beim eigenen Entwurf unsicher bist, halte ihn neben diese beiden Muster und frage, welchem der zwei er ähnlicher sieht.
Nicht jede Wiederholung ist eine Floskel
Der Austauschtest darf nicht auf den ganzen Brief losgelassen werden, sonst streichst du auch das, was gleich bleiben soll. arbeit.swiss zählt die formellen Elemente auf, die ein Bewerbungsschreiben in der Regel enthält: Absenderadresse, Empfängeradresse, Datum, Betreffzeile, Anrede, Grussformel und Unterschrift. Diese Teile sind Konvention, keine Aussage über dich, und sie gehören genau so ausgeführt, wie es üblich ist.
«Sehr geehrte Frau Muster» ist keine Floskel, sondern die richtige Anrede. «Freundliche Grüsse» ist keine Floskel, sondern die übliche Grussformel. Auch der Betreff soll die Berufsbezeichnung genau so tragen, wie sie im Inserat steht — dort ist die wörtliche Übernahme ausdrücklich erwünscht.
Die Grenze verläuft dort, wo eine Formel anfängt, etwas über dich zu behaupten. «Ich freue mich auf Ihre Antwort» ist Konvention. «Ich freue mich auf eine neue Herausforderung in einem dynamischen Umfeld» behauptet zwei Dinge, belegt keines davon und benutzt dabei ein Wort, das ohnehin in 8,1 Prozent der Inserate steht. Der erste Satz darf bleiben, der zweite nicht.
Die Schlussrunde vor dem Absenden
Lies den fertigen Brief mit einem Stift und markiere jedes Eigenschaftswort, das über dich etwas aussagt. Für jede Markierung gibt es danach genau drei Möglichkeiten: mit einem Vorgang belegen, durch eine Zahl ersetzen, oder streichen. Es gibt keine vierte, und «umformulieren» ist keine.
Wundere dich nicht, wenn der Brief dabei kürzer wird. Er soll es. Eine Seite mit zwei nachprüfbaren Absätzen erfüllt die Aufgabe, die arbeit.swiss dem Schreiben zuweist, besser als eine volle Seite Selbstbeschreibung: Sie gibt einen Überblick über Kompetenzen und Qualifikationen für genau diese Ausschreibung, und sie zeigt nebenbei die Ausdrucksfähigkeit, um die es dabei ebenfalls geht.
Zum Schluss noch einmal der Austauschtest, diesmal nur auf den beiden inhaltlichen Absätzen. Wenn dort ein Satz steht, den du guten Gewissens auch an die nächste Firma schicken könntest, ist die Arbeit noch nicht fertig.
Was Betroffene berichten
Standardschreiben fallen nicht durch ihren Ton auf, sondern dadurch, dass sie zu drei völlig verschiedenen Arbeitgebern gleich gut passen würden — ein Treuhandbüro, ein Industriebetrieb, ein Alterszentrum. Fehlt der erkennbare Bezug zur ausgeschriebenen Aufgabe, wird das Dossier als Mengenbewerbung gelesen.
Beitrag einer Schweizer Personalvermittlung auf LinkedIn, Juli 2026, zu eingehenden Bewerbungen ohne Bezug zur Stelle.
Bei Bewerbungen aus dem Ausland gehören selbst eingeschätzte Soft Skills und der fehlende Bezug zwischen Erfahrung und der konkreten Rolle zu den am häufigsten genannten Gründen für eine Absage — noch vor fehlender Erfahrung.
Beitrag eines Schweizer Recruiters aus der Life-Sciences-Branche auf LinkedIn, Februar 2026, mit einer Liste wiederkehrender Fehler in Bewerbungsunterlagen.
Die Wortanteile stammen aus der laufenden Auswertung der aktiven Inserate auf SwissJobs.app, Stand 22. August 2026. Gezählt wurde je Inserat einmal, ob der Beschreibungstext das Wort oder eine seiner Formen enthält; die Sprachzuordnung stammt aus der erkannten Inseratssprache, und die deutschsprachige Auswertung bezieht sich nur auf Inserate mit erkanntem Deutsch. Angaben zu Sprachanforderungen, Anstellungsart und Arbeitgeber stammen aus den strukturierten Feldern der Ausschreibung, die Pensumangabe aus der Titelzeile. Alle Werte sind Anteile, keine Bestandsgrössen.
Quellen
- arbeit.swiss (SECO) — Bewerbungstipps: das Bewerbungsschreiben als «persönliche Visitenkarte», Überblick über Kompetenzen und Motivation «für eine ausgeschriebene Stelle», Liste der formellen Elemente
- berufsberatung.ch (SDBB) — Bewerbungsbrief schreiben: Stärken müssen zum Beruf und zum Inserat passen, für jede Stelle ein eigener Brief
- berufsberatung.ch (SDBB) — Musterbrief 2 (Elias): die Adjektivkette ohne Beleg
- berufsberatung.ch (SDBB) — Musterbrief 3 (Victoria): Gründungsjahr, Excel, einzeln aufgezählte Fächer
Verwandte Fragen
Was unser Stellenindex über den Schweizer Markt sagt
Live aus unserem eigenen Index berechnet, nicht aus einer Studie zitiert. Nur Anteile, Stand heute.
Sprache der Inserate
- Deutsch
- 60%
- English
- 23%
- Français
- 13%
- Italiano
- 3%
Von den Inseraten mit Sprachanforderung verlangen
- Deutsch
- 70%
- English
- 43%
- Français
- 21%
- Italiano
- 3%
19% in den letzten 7 Tagen ausgeschrieben · Grösste Märkte: Zürich 18% · Bern 10% · Genève 5% · Basel 5%